15. August 2026 – Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel

Mitten im August, in der Zeit des Sommers, der Ferien und der Erholung, feiern wir ein Fest, das weit über den heutigen Tag hinausweist: das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel.

Wir feiern heute nicht einfach eine besondere Auszeichnung der allerseligsten Jungfrau Maria. Wir feiern an ihr auch unsere eigene Hoffnung. Maria ist uns vorausgegangen – mit Leib und Seele. In ihr zeigt Gott, wozu der Mensch berufen ist: nicht zu Untergang und Vernichtung, nicht zum Vergessen, nicht zum Aufgehen in einem unpersönlichen Ganzen, sondern zum Leben in der Gemeinschaft Gottes.

Im Salve Regina singen wir:

»Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung, sei gegrüßt.«

»Spes nostra« – unsere Hoffnung. Maria ist unsere Hoffnung, weil sie für uns Fürsprache hält. Aber am heutigen Fest dürfen wir noch tiefer verstehen, warum wir sie unsere Hoffnung nennen: An Maria ist bereits geschehen, was Gott auch uns verheißen hat.

Die Kirche bekennt heute, dass Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde. Papst Pius XII. hat diese Wahrheit im Jahr 1950 als Dogma des Glaubens verkündet:

»Wir verkünden, erklären und bestimmen als von Gott geoffenbartes Dogma: Die unbefleckte, immerwährende Jungfrau und Gottesmutter Maria ist nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden.« 

Das bedeutet: Nicht nur ein Teil des Menschen ist für Gott bestimmt. Nicht nur unsere Seele, unser Denken oder unser inneres Bewusstsein. Der ganze Mensch ist von Gott geschaffen und zur Vollendung berufen – Leib und Seele, unsere Geschichte, unsere Persönlichkeit, unsere unverwechselbare Identität.

Maria ist ein Mensch wie wir: geboren von menschlichen Eltern, hineingestellt in eine konkrete Zeit und ein konkretes Volk, erzogen im Glauben ihrer Vorfahren. Sie war von Gott in einzigartiger Weise begnadet und zur Mutter seines Sohnes erwählt. Aber sie war kein Engel und keine Göttin. Sie war ein Mensch.

Darum ist ihr Weg für uns von so großer Bedeutung. Die Aufnahme Mariens in den Himmel sagt uns: Was Gott an Maria vollendet hat, ist nicht nur eine Auszeichnung für sie. Es ist zugleich ein Hoffnungszeichen für die ganze Menschheit.

Papst Pius XII. betonte, dass der Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens unseren Glauben an die eigene Auferstehung stärken soll. In Maria dürfen wir erkennen, »zu welchem hohen Ziel unsere Leiber und Seelen bestimmt sind«.

Die erste Lesung stellt die Bundeslade in den Mittelpunkt. Die Lade war für Israel das Zeichen der Gegenwart Gottes. Sie wurde in die heilige Stadt gebracht, und das Volk feierte mit Freude, Lobpreis und Dank.

Die Kirche hat dieses Bild immer wieder auf Maria bezogen. Maria ist die neue Bundeslade: In ihrem Schoß hat sie den getragen, der der neue und ewige Bund Gottes mit den Menschen ist – Jesus Christus. In ihr ist das Wort Gottes nicht nur auf steinernen Tafeln oder in einer Urkunde gegenwärtig, sondern in menschlichem Fleisch.

Die Offenbarung des Johannes greift dieses Bild auf. Im Himmel erscheint die Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und einen Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Zugleich wird sie von einem großen Drachen bedroht. Diese Frau ist ein Bild für Maria, aber auch ein Bild für das Volk Gottes, für die Kirche, die inmitten der Bedrohungen der Geschichte lebt.

Maria trägt den Sohn, der die Völker retten soll. Der Drache aber will das Kind verschlingen. Damit wird sichtbar: Das Leben mit Gott ist kein Weg ohne Widerstand. Maria ist nicht deshalb unsere Hoffnung, weil ihr Leben frei von Sorgen und Schmerzen gewesen wäre.

Papst Pius XII. erinnert ausdrücklich daran, dass Maria auf ihrem irdischen Pilgerweg von Sorgen, Mühen und Schmerzen geprägt war. Die Weissagung des greisen Simeon erfüllte sich: Das Schwert durchbohrte ihr Herz, besonders als sie unter dem Kreuz ihres göttlichen Sohnes stand.

Maria kennt also die Dunkelheit. Sie kennt Angst und Ungewissheit. Sie kennt das Leid einer Mutter. Sie kennt den Schmerz, einen geliebten Menschen leiden und sterben zu sehen. Aber das Böse und der Tod haben nicht das letzte Wort behalten.

Das ist die Botschaft des heutigen Festes: Die Finsternis ist real, aber sie ist nicht endgültig. Der Tod ist mächtig, aber er ist nicht der Sieger.

Im Evangelium ruft eine Frau aus der Menge Maria selig: Selig der Schoß, der Jesus getragen, und die Brust, die ihn genährt hat. Jesus weist diese Verehrung nicht zurück. Aber er lenkt den Blick auf den tieferen Grund der Seligkeit Mariens:

»Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen.« 

Maria ist nicht nur deshalb selig, weil sie die Mutter Jesu nach dem Fleisch ist. Sie ist selig, weil sie das Wort Gottes gehört, ihm vertraut und danach gelebt hat.

Das ist der Kern ihres Lebens: ihr Ja zu Gott. Dieses Ja war kein oberflächlicher Satz und keine fromme Stimmung. Es war eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben umfasste. Maria hat ihr Denken und Handeln, ihre Pläne und ihre Zukunft dem Willen Gottes geöffnet.

Ihr Ja führte nicht in ein bequemes, abgesichertes Leben. Es führte nach Bethlehem in die Heimatlosigkeit, in die Unsicherheit, in die Flucht nach Ägypten, in die Jahre des verborgenen Lebens, in die Sorge um den Sohn und schließlich unter das Kreuz. Aber gerade in dieser Treue zeigt sich die Größe Mariens.

Sie hörte das Wort Gottes – und sie bewahrte es. Sie ließ es in ihrem Leben Frucht bringen. Deshalb ist sie heute nicht nur die Frau aus Nazareth, sondern die Frau, mit der Sonne bekleidet, das Zeichen der vollendeten Kirche, die Königin an der Seite ihres Sohnes.

Das heutige Evangelium stellt daher auch uns eine Frage: Hören wir Gottes Wort nur, oder lassen wir uns von ihm führen?

Wir können die Heilige Schrift kennen, Gottesdienste besuchen und religiöse Worte sprechen. Aber der Glaube wird erst dann lebendig, wenn das Wort Gottes unsere Entscheidungen prägt: unseren Umgang mit den Menschen, unsere Bereitschaft zur Vergebung, unsere Verantwortung für die Schwachen, unseren Umgang mit Geld, Macht und Zeit.

Maria zeigt uns: Der Weg zur Herrlichkeit beginnt nicht erst am Ende des Lebens. Er beginnt heute – in jedem kleinen Ja zu Gott.

Wir spüren im Hochsommer bereits, dass sich etwas verändert. Die Tage werden kürzer. Die Natur beginnt, sich langsam auf den Herbst vorzubereiten. Störche sammeln sich zum Aufbruch, so manche Nester in meiner Heimat Burgenland sind bereits leer. Blumen blühen und verwelken. Die meisten Felder sind bereits abgeerntet, zurück bleiben tote Stoppel oder blanke Erdschollen. Die Fülle des Sommers trägt bereits das Zeichen der Vergänglichkeit in sich.

Für viele Menschen ist das bedrückend. Der Sommer scheint ein Bild des Lebens zu sein: Licht, Wärme, Wachstum und Freude. Wenn die Tage kürzer werden, erinnert uns die Natur daran, dass alles Irdische eine Grenze hat.

Noch stärker spüren wir diese Grenze, wenn ein lieber Mensch stirbt. Dann brechen die Fragen wieder auf: Wohin geht der Mensch? Was bleibt von seiner Liebe, seiner Geschichte, seinem Wesen? Ist der Tod das Ende?

Das heutige Fest gibt darauf eine klare Antwort: Nein, der Tod ist nicht das Ende.

Der Apostel Paulus verkündet:

»Wenn dieses Vergängliche Unvergänglichkeit anzieht und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anzieht, dann erfüllt sich das Wort: Der Tod ist verschlungen vom Sieg.«

Und er fährt fort:

»Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«

Dieser Sieg ist kein menschlicher Erfolg. Wir können den Tod nicht aus eigener Kraft überwinden. Unsere Medizin kann Leben verlängern, unsere Technik kann vieles erleichtern, unsere Vorsorge kann Gefahren mindern. Aber die Grenze des Todes bleibt bestehen.

Die christliche Hoffnung gründet deshalb nicht in menschlicher Leistung, sondern in Christus. Paulus sagt:

»Dank sei Gott, der uns den Sieg schenkt durch unseren Herrn Jesus Christus.« 6

Maria ist ganz und gar mit Christus verbunden. In ihr wird sichtbar, was die Auferstehung Christi für den Menschen bedeutet. Sie ist nicht an die Stelle Christi getreten. Sie ist nicht die Quelle des Heils. Christus allein ist der Erlöser. Aber Maria ist das vollkommene Geschöpf, an dem die Kraft seiner Erlösung sichtbar wird.

Die Kirche lehrt, dass Maria als »höchste Krönung ihrer Vorrechte« vor der Verwesung des Grabes bewahrt und mit Leib und Seele in die Herrlichkeit aufgenommen wurde – als Königin an der Seite ihres Sohnes. 

Maria ist unsere Hoffnung auch deshalb, weil sie unsere Sorgen kennt. Bei der Hochzeit zu Kana bemerkte sie, dass der Wein ausgegangen war. Sie kam nicht mit einer langen Rede und stellte sich nicht in den Mittelpunkt. Sie sagte schlicht: »Sie haben keinen Wein mehr.«

Der heilige Bernhard von Clairvaux sieht darin die Haltung echter Fürsprache: Maria trägt die Not der Menschen zu ihrem Sohn, ohne Gottes Willen an sich reißen zu wollen. Sie verbindet Vertrauen mit Demut.

Das ist tröstlich. Wir müssen vor Gott nicht immer die richtigen Worte finden. Wir dürfen mit unserer Sorge, unserer Krankheit, unserer Trauer und unserer Schuld zu Maria kommen. Sie kennt die Not des menschlichen Herzens. Und sie führt uns nicht von Christus weg, sondern zu ihm hin.

»Unsere Hoffnung« bedeutet daher nicht, dass wir Maria an die Stelle Gottes setzen. Es bedeutet: In Maria sehen wir, wie ein Mensch ganz auf Gott ausgerichtet sein kann. Sie ist der strahlende Stern auf dem Weg durch unser irdisches Leben. Ihre Größe besteht darin, dass sie immer auf Christus verweist.

Maria ist unsere Hoffnung, weil sie uns zeigt, wohin unser Leben führt. In ihr sehen wir die Vollendung eines Menschen, der Gottes Wort gehört und ihm vertraut hat. In ihr erkennen wir, dass der Tod nicht Vernichtung bedeutet, sondern dass Gott den ganzen Menschen zur Auferstehung beruft.

Deshalb dürfen wir heute voll Freude die Worte des Magnifikat ausrufen: »Sei gegrüßt, Maria, unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung.« 

Amen.