Karfreitag 2026
Die Botschaft vom Kreuz - ja das Kreuz selbst - steht uns oftmals im Weg. Es „durchkreuzt“ unsere Pläne, es schneidet unseren - menschengemachten, von Menschenvernunft getragenen - Weg mitten entzwei.
Wenn auch viele Menschen heute „einfach so“ ein Kreuz um den Hals oder am Ohrring tragen, das Kreuz ist kein harmloses Schmuckstück, nicht einfach ein williges Objekt der Kunst.
Das Kreuz Christi ist kein Bildstock am Wegesrand, kein lieblich verziertes Kreuzchen, das zum Verweilen und Bedenken eines kurzen Gebetes einlädt.
Das Kreuz des Herrn steht vor uns aufgerichtet, als Mahnmal, als Zeichen, das wir nicht übersehen können - auch wenn wir wollten.
Das Kreuz Christi steht mitten auf unserem Lebensweg. Wer dem Kreuz ausweichen will, wer am Kreuz vorbeigehen will, der kommt zwangsläufig von seinem Weg ab.
Das Kreuz des Herrn ist das große Fragezeichen an uns, an unser Leben, an unsere Haltung gegenüber Gott, gegenüber dem Nächsten, uns selbst gegenüber.
Träumen wir noch den Traum einer leidlosen, glückerfüllten, problemlosen Lebensbewältigung, den Traum eines Lebens wie durch die rosarote Brille betrachtet, wie es uns die Werbung tagtäglich in Bild und Ton und in den schönsten Farben ins Haus liefert?
Träumen wir noch davon, dass uns Glück und Erfolg so einfach mirnichtsdirnichts in den Schoß fallen? Alles ist möglich - Lotto?
Oder lassen wir dieses schönfärberische Lebensbild durch die Botschaft vom Kreuz hinterfragen, seinen Zuckerguß abschlagen und unser Leben mit offenen Augen im Licht des Herrn betrachten?
Wer an ein Leben glaubt, das nur aus Menschenhand gemacht, durch Menschenvernunft geformt, von Menschenwillen geführt ist, der stößt nur allzubald an seine eigene Grenze, und an die der anderen. Da gibt es Hass und Neid, Zwietracht und Streit, Unfrieden und Krieg, Krankheit und Not, Armut und Hunger. Es gibt Leid in unserer Welt, in unserem Land, in unserer Gemeinde.
Und für uns gibt es in einem rein weltlich verstandenen Leben nur zwei Möglichkeiten: Die Augen vor diesem Leid verschließen, in den eigenen vier Wänden heile Welt spielen und sich einreden, dass ja alles in Ordnung ist, solange Gehalt oder Pension rechtzeitig überwiesen werden.
Oder sich vom Leid ergreifen lassen, mitfühlen mit denen, die leiden, – und dann keine Antwort finden, weil unsere Welt aus sich heraus keine Antwort finden kann …
Die Antwort liegt dort, wo Menschenvernunft an eine Mauer stößt, dort wo der Gottesknecht, der Gottessohn unsere Krankheit getragen hat, unsere Schmerzen auf sich genommen hat.
Die Antwort liegt dort, wo der Sohn Gottes durchbohrt wurde wegen unserer Verbrechen, wo er zermalmt wurde wegen unserer Sünde, wo Strafe auf ihm lag, zu unserem Heil! Der Ebed Adonai, der Gottesknecht, zeigt uns den wahren Lebensweg.
So wird das Kreuz des Herrn vom Fragezeichen als Anfrage an unser Leben zum Heils- zum Siegeszeichen, zur Antwort auf alle offenen Fragen nach dem Sinn von Leid und Tod, nach dem Grund von Not und Schmerz.
Und es wird zugleich Anfrage an uns, wie wir uns einlassen auf diese Erlösungstat des Herrn, wie wir uns eingliedern lassen in jenes große Erlösungswerk.
„Obwohl er der Sohn war“, so sagt der Hebräerbrief, „hat er duch Leiden den Gehorsam gelernt, zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“
Das Kreuz Christi steht uns oft im Weg - dann, wenn wir unseren eigenen Weg, am Nächsten vorbei, an Gott vorbei gehen wollen.
Doch, wer den Weg zum Kreuz, ja oftmals durch das Kreuz hindurch, nicht scheut, der kann - schon heute - in der Dunkelheit des Karfreitags - das aufstrahlende Licht von Ostern erblicken, das unbesiegbar und unaufhaltsam hinter dem Kreuz aufleuchtet.